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- Kurze Geschichte
der Globalisierungsproteste
- Martin Jaeggi über Temporary
Discomfort I bis III
- Zu Temporary Discomfort IV
- Zu Temporary Discomfort V
- Das WEF als digitales Mosaik
Martin
Jaeggi über Temporary Discomfort
Früher, zu Zeiten des kalten Krieges, als die Welt noch einfach
schien, und Politik endzeitlicher Kampf des Guten gegen das Böse
war, verstanden sich Fotografen, die geschichtliche Wirklichkeit zeigen
wollten, oft als heldenhafte Aufklärer im Dienste des Humanismus
und begriffen die Kamera als Waffe im Kampf an der Front. Ihre Bilder
zeigten besonnene Staatsmänner, reckenhafte Freiheitskämpfer,
rücksichtslose Schlächter, ohnmächtige Opfer und stumm
leidende Massen - eingängige Bilder, die sich im Gedächtnis
festsetzten, politische Ikonen, die Entsetzen oder Bewunderung auslösten,
zu Parteinahme und Handeln aufforderten. Fotografen wollten Helden
sein, wie alle anderen auch.
Seit dem Ende des kalten Krieges freilich ist die Welt verwickelter
und unübersichtlicher geworden, die Politik und ihre Bilder entbehren
der absoluten Trennschärfe von einst. Politiker wissen um die
Macht der Bilder, inszenieren sie gerissen oder versuchen, sie zu
verhindern; im Wissen darum, dass ein unliebsames Bild die öffentliche
Meinung in empfindlichem Maße beeinflussen kann. Der Fotograf
wird zum manipulierten Kameramann durchgeplanter Inszenierungen und
die Politik zum Bilderkrieg. Zum andern aber lässt sich das Weltge-schehen
nicht mehr in einfache Formeln fassen, die großen Ideologien
haben ihre Überzeugungskraft verloren und geben keine handlichen
Bildschablonen mehr vor. Gebannt und oft hilflos verfolgen wir politische
und wirtschaftliche Entwicklungen, als ob sie unvorhergesehene gewaltige
Naturer-eignisse wären, erklären uns dies vage mit der "Globalisierung",
ohne richtig zu wissen, was dies sei, noch was sie alles mit sich
bringen wird.
Wie kann ein Fotograf unter diesen erschwerten Voraussetzungen
geschichtliche Wirklichkeit zeigen? Jules Spinatsch' Arbeit Temporary
Discomfort gibt eine mögliche Antwort auf diese Frage. Seit 1999,
als
in Seattle der letzte WTO (Weltfreihandelsorganisation)- Gipfel statt-fand,
ist es bei Gegendemonstrationen einer bunt zusammenge-würfelten
Allianz von Globalisierungsgegnern an Treffen der WTO,
des IMF (Internationaler Währungsfond) und des WEF (World Economic
Forum) mit fast schon ritueller Regelmäßigkeit zu Ausschreitungen
gekommen.
Die Medienbilder dieser Konferenzen und Ausschreitungen sind ver-
traut und voraussehbar, sie führen die Demonstrationsikonographie,
die sich seit dem Vietnamkrieg und den 68er-Unruhen herausgebildet
hat, fort oder zeigen die Bildhülsen staatsmännischer Zusammen-künfte,
die sich seit der Zwischenkriegszeit (Konferenz von Locarno) und dem
Ende des Zweiten Weltkriegs (Konferenzen von Jalta und Teheran) gleich
geblieben sind, abgesehen davon, dass sich Politiker heute den ölig
dynamischen Anstrich von Wirtschaftskapitänen zu geben suchen.
Es sind Bilder, die eigentlich nur noch verwaschene Kopien sind, die
wir immer schon gekannt haben, bloße Schlüsselreize für
denpawlowschen Hund "Medienkonsument".
Auch Jules Spinatsch' Bilder erzählen von diesen Ereignissen.
Doch anstelle von Strassenschlachten und Gruppenbildern mit staatsmännischem
Händedrücken, zeigt er Davoser Winternächte mit Maschenzaun-
und Stacheldrahtlabyrinthen im Flutlicht; Genua, leer
wie der mittägliche Mittelmeerhimmel, eine Festung, Frachtcontainer
- Symbole des Welthandels -, die, zu Barrikaden umfunktioniert, als
Bollwerke gegen dessen Gegner dienen; das nächtliche |
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New York mit Strassensperren, Zelten und Fernsehübertragungs-wagen,
in ihrer Verlassenheit absurd, das schläfrige Wachen der Schutzmänner.
Spinatsch zeigt das Warten auf das große Ereignis, das als
bis ins letzte durchgeplant sichtbar wird, mitsamt der Zusammenstöße
zwischen Polizei und Demonstranten.
Was geschehen wird, ist bereits in die Sicherheitsarchitektur
eingeschrieben, die Choreographie von Macht und Widerstand steht
von Anbeginn fest, ein prickelnd gewalttätiger ritueller Zusammenstoß,
ein Stierkampf für das CNN- Zeitalter, heftig, emotional und
beinahe vollkommen berechenbar. Die Bilder, die wir morgen sehen
werden, stehen heute schon fest. Sicherheitsdispositive sind im
Zeitalter der totalen Medien auch und gerade Bilderzeugungsmaschinen,
denn das Bild ist ein Sicherheitsrisiko in der Steuerung öffentlicher
Meinung geworden.
Jules Spinatsch macht Landschaftsbilder, die als Antithese zur romantischen
Tradition dieses Genres gelten können. Er zeigt Berg- und Stadtlandschaften,
wie sie unter dem kalten strategischen Blick der Sicherheitsverantwortlichen
erscheinen, ein Terrain, in dem jede Bewegung kontrolliert werden
muß. Anstelle von Alpenglühen und Asphaltdschungel sehen
wir versperrte Einfallsschneisen und abgeschnittene Fluchtwege,
eine Welt, die man in Generalstabsprosa beschreiben müsste.
Spinatsch verwandelt sich den Blick der Macht an, die Macht als
Blick, dem die Welt nur als Sicherheitsrisiko,
das es zu beherrschen gilt, erscheint. Im Herzen der Sicherheits-
architektur, die uns Spinatsch zeigt, finden wir ein hermetisch
abgeriegeltes Vakuum, in dem sich Politiker und Wirtschaftsführer
treffen, um im Namen liberaler Demokratie den Weltfreihandel zu
organisieren, unerreichbar und unberührbar in Fernsehkameras
lächelnd. Die Übertragungswagen in den Bildern erinnern
daran, dass der Bürger, der citoyen, zum Fernsehzuschauer geworden
ist, die agora, die altgriechische Landsgemeinde, sich in virtuellem
Flimmern aufgelöst hat.
Spinatsch' Bilder sind ein verhaltenes Manifest gegen die Tradition
heroischen Fotojournalismus, die ich eingangs erwähnte. Spinatsch
will als Fotograf kein Held sein, eher schon ist er ein Späher
hinter den Frontlinien, ein Spion, der sich in der Etappe umhört.
Listig kontrastiert er die eingängige, gedrängte Bewegungslosigkeit
der Fotografien mit bewegten Videobildern, wie um uns durch diesen
Gegensatz daran zu erinnern, dass er uns Bilder zeigt, sich hinter
den Bildern aber Wirklichkeit versteckt, die der Zuschauer zusammensetzen
und ergründen muß.
Spinatsch' im positiven Sinne antiheroische Haltung prägt auch
seine übrige Arbeit. Vielleicht kann nur ein gewiefter Antistratege
den kalten und herrischen Blick der Macht so eingängig und
beängstigend aufzeigen.
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