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- Das WEF als digitales Mosaik



© Tages-Anzeiger; 2003-01-28; Seite 54 / Kultur
Das WEF als digitales Mosaik

«Temporary Discomfort IV, Pulver gut (WEF live)»: Tausend Bilder einer
Panoramakamera werden zu einem Wandbild zusammengesetzt.
Im Kunstraum Walcheturm entsteht während des WEF 2003 ein Wandpanorama von Jules Spinatsch.

Von Mirjam Weder

Das World Economic Forum ist nicht nur in Davos, sondern auch in Zürich. Wer jetzt sofort an Demonstrationen und Globalisierungsgegner denkt, irrt. Denn das WEF, das hier gemeint ist, kommt kühl, distanziert und gemächlich an. Ganze sieben Tage lässt es sich Zeit, um vollständig in Zürich einzutreffen.

Die Rede ist auch nicht von einem Treffen hochrangiger Politiker und Wirtschaftsführer, sondern von einem riesigen Wandpanorama, das als Work in progress im Kunstraum Walcheturm entsteht. Der Davoser Künstler Jules Spinatsch setzt sich mit dem Panorama «Temporary Discomfort IV, Pulver gut (WEF live)» zum vierten Mal in Folge mit der Inszenierung von Grossanlässen, wie dem WEF oder dem G-8-Gipfel, auseinander.

Aus kühler Distanz hielt er in den früheren Folgen «Discomfort I-III» auf
Fotografien und Videos fest, wie solche Ereignisse in Davos, New York oder Genua in die öffentlichen Räume eingriffen und sie zu Sicherheitszonen umfunktionierten.

Das diesjährige World Economic Forum dokumentiert er mit Hilfe einer
Panoramakamera. Solche Kameras werden gerne auf Bergstationen eingesetzt, um den Gästen rund um den Globus die schneebedeckte Schönheit der heimatlichen Landschaft zu demonstrieren.

In Zusammenarbeit mit Reto Diethelm und dessen Firma Redics hat Jules Spinatsch die Kamera für seine Zwecke umprogrammiert:



 












Während des WEF absolviert die Kamera jeden Morgen während zweier Stunden automatisch einen dentischen Schwenk über das Kongresszentrum und die Davoser Landschaft. Dabei schiesst sie unzählige Momentaufnahmen. Am Abend werden diese Bilder
im Walcheturm ausgedruckt und auf die Wand geklebt, wo sie sich langsam, aber stetig zu einem riesigen Fotomosaik zusammenfügen.

Jules Spinatsch entreisst die Panoramakamera ihrem betulichen
touristischen Kontext und platziert sie in der Nähe des Kongresszentrums, mit Fokus auf die Sicherheitszone, auf die Forumsteilnehmer und die Polizei. Sie soll nicht mehr das Wetter und den Schnee, sondern das «politische Panorama der Sicherheitslage» dokumentieren. Die Kamera als Beobachterinzweiter Ordnung: Sie überwacht die Sicherheitsüberwachung des hochkarätigen
Anlasses.

Rund tausend Bilder muss die Kamera nach Zürich schicken, um die rund 21 Meter breite und 4,5 Meter hohe Wand vollständig zu bedecken. Wie grosse Pixel wird Bild um Bild von rechts nach links an die Wand geklebt. Jeden Abend wächst so das Panorama um drei neue Reihen in die Höhe.

Das langsame Anwachsen des Panoramas führt uns vor Augen, wie schnell, flüchtig und unaufmerksam wir im Alltag die einzelnen Bilder der medialen Bilderflut wahrnehmen. Wie entstehen Bilder solcher Grossanlässe? Wer macht sie? Wer wählt sie aus? Erfüllt von einem Unbehagen über die von den Veranstaltern und den Medien gemeinsam produzierten Bilderwelten, sind das die Fragen, die Spinatsch thematisieren will. Seine Arbeiten sind der Versuch, der normierten Bildwelt eine eigenständige und autonome entgegenzusetzen.

Die Entstehung des Wandbildes kann noch bis zum 1. Februar im Kunstraum Walcheturm an der Kanonengasse 20 mitverfolgt werden. Das vollendete Bild kann an der Finissage am 13. Februar besichtigt werden.

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